Weihnachtsgeschichte 2015

 

Diese Weihnachtsgeschichte handelt von Felix, und wie es sein Name schon andeutet, war Felix mit  einem glücklichen Gemüt beschenkt, das die Welt noch mit kindlichen und immer freundlichen Augen betrachten durfte. Ich glaube, sogar annehmen zu können, dass er im späteren Leben sich nicht ändern würde und damit eine erfrischende Treuherzigkeit für sich in Anspruch nehmen wird! Dies nun als Schlichtheit zu bewerten, würde dem guten Felix nicht gerecht werden, er hatte allen seinen Zeitgenossen um sich herum mehr zu geben. Wer mit ihm zu tun hatte, war bald in den Bann seines Wesens gezogen und bemerkte bald erstaunt, wie schnell er Felix in sein Herz geschlossen hatte. Doch will ich mich zu Anfang dieser Geschichte nicht zu sehr mit der Beschreibung seines lieben Charakters auslassen, was ja eigentlich beweist, wie sehr auch ich seinem besonderen Charme erlegen bin. Diese Erzählung spricht für sich selbst und benötigt keine weiteren Erläuterungen mehr von mir.

Eigentlich fängt diese Weihnachtsgeschichte in einem Sommer an, der ein Segelboot bei lauem, sonnigem Wetter auf einem sich unaufhörlich durch die Marschen Schleswig- Holsteins schlängelnden Flusses lockte, vorbei an buntbesprenkelten Dörfern auf grünen Moränenhügeln, zu der Mündung eines noch kleineren, aber umso liebenswürdigerem Flüsschen, dort, wo vor ein paar hundert Jahren holländische Remonstranten sich ihre Stadt so bauten, wie sie es von zu Hause her kannten. Wie ein kleines Amsterdam steht diese schmucke Siedlung noch heute da und heißt mit ihren bunten niederländischen Giebeln und den sich fröhlich in dem blinkenden Blau der Grachten spiegelnden uralten Bäumen herzlich willkommen. Was haben diese schon gesehen und könnten uns Vieles davon berichten! In dieser pieksauberen Stadt, in deren Gassen noch der Atem vergangener Jahrhunderte zu spüren war, da führten die Schritte den Erzähler zu der alten Remonstrantenkirche, die ihn schon mit ihrem Turm von weitem begrüßte und hereinbat. Zum Glück für unsere Geschichte war der Gast schon eine halbe Stunde früher zum Orgelkonzert erschienen, konnte er doch so über ein helles, freundliches Kircheninneres staunen, das den Besucher willkommen hieß und nicht, wie leider oft so üblich, ihm Demut und Gottesfurcht abverlangte.

Und die Weihnachtsgeschichte, von der ich doch berichten wollte und die nun wirklich ihren Anfang nehmen soll, hätte gar keinen Anlass zum Niederschreiben gefunden.

Während der Organist noch zum Einüben seine Finger hin- und hergleiten ließ und mit den Füßen dumpf die Pedalen ertastete, schob sich ein rosa Gesicht mit einem langen, weißen Bart vor die wandernden Blicke des ersten Besuchers. Hellblaue Augen erleuchteten das Spannungsfeld zwischen den fremden Gesichtern und baten um Vertrauen, vielleicht sogar um Freundschaft. Nach einem gegenseitigen Abtasten entspann sich bald ein anregendes Gespräch, das sich natürlich um Glauben, über diese wunderbare Kirche und über den Menschen handelte. Ob sich denn noch viele Gläubige zu dieser Religion zugehörig fühlten, wollte der Gast wissen und ob das Weihnachtsfest noch die Kirche fülle. Der Pastor, und mit dem haben wir es hier zu tun, neigte bedächtig den Kopf und meinte still, ihm sei es viel mehr daran gelegen, mit den Menschen persönlich zu tun zu haben, egal, wie groß ihre Zahl sei und nur so verstünde er seine Rolle als Seelsorger. Wobei die Finger seiner rechten Hand durch die lange, wollige Bartkrause fuhren.

Und dabei fiel ihm die Begegnung mit einem kleinen Jungen in der vergangenen Weihnachtszeit ein. Ob er sie mir nachher erzählen dürfe. Ihm selber hätte sie viel Spaß bereitet und was gäbe es Schöneres für ihn, in die Seele eines jungen Menschen einen Blick tun zu dürfen! Und dabei schien er zufrieden und versonnen in sich hineinzuhorchen.

Und nun sind auch wir glücklich wieder bei unserem Felix angelangt und können endlich mit seiner Geschichte beginnen, einer Geschichte, die so recht in die Welt, oder noch besser, in die Weihnachtszeit passt.                                                                                                                                                                                                                        

Felix hatte vor Kurzem zugesehen, wie der ältere Bruder seines Klassenkameraden mit einem Hubschrauber spielte, einem richtig fliegenden Hubschrauber mit sich drehenden Rotoren und einem Steuerpropeller, und das alles geführt von einem Steuerpult aus mit zwei von Daumen bewegten Knöpfen. Und wie der Hubschrauber durch die Luft flatterte, es war eine Lust, ihm dabei zuzusehen! Solch einen wollte Felix auch besitzen! Jedoch, seine Eltern meinten abwehrend, für solch ein empfindliches Spielzeug sei er als Erstklässler noch zu klein. Er möge mit diesem Wunsche noch ein paar Jahre warten und lieber mit einem Hubschrauber von Lego vorliebnehmen. Trotz vieler weiterer Versuche von Felix, seine Eltern umzustimmen, beharrten sie auf ihrem Entschluss und schoben letztendlich die Schuld auf den Weihnachtsmann. Der ja genau wüsste, welche Entscheidung er bei den Kindern treffen müsste. “Aha, der Weihnachtsmann trifft also die Wahl!“ ging es Felix durch den Kopf. Ob man den nicht mal persönlich ansprechen könnte, um ihn von dem Hubschrauber zu überzeugen? „Aber wo treffe ich den Weihnachtsmann nur?“ überlegte er und da fiel ihm doch ein, ihn kürzlich im Kaufhaus gesehen zu haben als er mit seinem Rucksack durch die Kinderspielzeugabteilung stapfte. „Da werde ich ihn suchen“ beschloss er und machte sich auf den Weg dorthin. Und richtig, ganz hinten bei den Puppen stand der Weihnachtsmann und schaute, wie es Felix mit einem Male vorkam, missmutig in die Gegend, so missmutig, dass kleine Kinder in seiner Nähe vor Angst ihren Finger in den Mund steckten und ihm nicht näherzutreten wagten. Doch Felix fasste sich ein Herz, denn war er nicht schon größer als sie?

„Lieber Weihnachtsmann“, begann er tapfer „ ich wünsche mir von dir einen Elektronikhubschrauber und möchte auf keinen Fall einen von Lego haben!“ Ob das wohl möglich wäre, er sei schließlich technisch interessiert und beim Spielen sehr vorsichtig! Der Weihnachtsmann blickte ihn aus müden, überdrüssigen Augen verdrießlich an und knurrte aus einem schiefen Mundwinkel verächtlich heraus: "Wofür bin ich in diesem schlechtbezahlten Job denn noch alles zuständig? Hau ab und suche dir einen anderen Weihnachtsmann!“

„Es gibt also mehrere Weihnachtsmänner!“ staunte Felix und verschwand schleunigst, um der Unfreundlichkeit zu entkommen.

In Gedanken verloren und im Geiste immer wieder Weihnachtsmann oder Hubschrauber vor sich herschiebend, erreichte er eine dunkle Gasse, wo sich die Gaststätte „Zum Goldenen Anker“ durch Licht und Lärm bemerkbar machte. Wie unbeabsichtigt zog die ungepflegte Scheibe des Lokals die Blicke des Jungen auf sich und er traute seinen Augen nicht, als er verschwommen im blauen Dunst fünf Weihnachtsmänner entdeckte, fünf Weihnachtsmänner, die es sich am Tresen gemütlich gemacht hatten. Neben ihnen lagen große Säcke und Ruten in Unordnung auf dem Boden ausgebreitet.

„Einer von ihnen wird schon der richtige Weihnachtsmann sein!“ dachte sich Felix,“ aber was ist mit den anderen vier?“

Etwas verwirrt war er schon, der Gute, aber was tut man nicht  alles für einen Hubschrauber? Mit einem energischen Ruck, aber nicht mehr so tapfer wie vordem, stieß er die Tür der Gaststätte auf und starrte benommen in diesem ungewohnten Dunst von Rauch und abgestandenem Bier.

„Sieh da, wir bekommen Besuch!“ kam es etwas lallend aus dem Munde des einen roten Kuttenträgers. „Herzlich willkommen bei der Gewerkschaftskonferenz der Weihnachtsmänner!“

„Sei nett zu unserer Kundschaft!“ lachte meckernd einer von ihnen aus seiner Ecke heraus. „Wir sind zusammengekommen, um mehr Kohle zu verlangen!“ wieherte wieder der erste etwas zu laut.

„Auf die Kohle!“ nun einer nach dem anderen, wobei sie in ihrer rechten Hand ein Glas Korn emporhoben, mit der linken mehr oder weniger umständlich den Bart anlüfteten, den                   Kopf nach hinten neigten und sich den Schnaps in den weit geöffneten Mund kippten.

Anschließend schüttelten sich alle Weihnachtsmänner ausgiebig. Ihre Augen blickten dankbar den Wirt an. Der wiederum winkte Felix zu, er möge lieber das Lokal verlassen. Was er denn zu gerne tat und sich draußen in der beginnenden Dunkelheit kopfschüttelnd fragte, wozu ein Weihnachtsmann mehr Kohle brauchte? Heizt der denn nicht mit Gas oder Öl wie seine Eltern zuhause?

Sechs Weihnachtsmännern war er begegnet und keiner schien für ihn zuständig zu sein. Was ging da vor? Er verstand die Welt nicht mehr! Aber aufgeben, nein, das wollte Felix auf keinen Fall! Und wie er still mit sich beschäftigt an seinem alten Kindergarten vorbeikam, öffnete sich die Tür und entließ aus der Helligkeit einen weiteren Weihnachtsmann, der sich erst einmal die Augen rieb, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen.

„Bist du endlich der richtige Weihnachtsmann?“ kam es aus der Richtung der Pforte her. Der Angesprochene schreckte kurz auf, hatte sich aber schnell gefangen, als er den kleinen Jungen vor sich entdeckte. Eine warme, freundliche Stimme drang durch seinen Bart und hüllte den Felix in eine Wolke des Vertrauens und Herzensgüte ein.

„Das muss der richtige Weihnachtsmann sein!“ da war Felix sich ganz sicher und schon erzählte er ihm die ganze Geschichte, die Geschichte von seinen Eltern, von den bisherigen sechs Weihnachtsmännern und natürlich von diesem großartigen Elektronikhubschrauber. Er berichtete das so voller Begeisterung, dass der Mann unter seiner roten Mütze gerührt zu lächeln begann. Und als Felix endlich geendet hatte und ihn fragend anschaute, da strich der Weihnachtsmann Nummer 7 mit der Hand leicht durch seinen Bart und sprach nach einer Pause des Nachdenkens: „Mein Junge, ich bin in Wirklichkeit nur der Weihnachtsmann für den Kindergarten, doch ich möchte dir weiterhelfen!“ Nahm den Felix an die Hand und führte ihn ein paar Straßen weiter zu der Remonstrantenkirche, deren beiger Turm mit der Barockhaube ihnen bald im Scheinwerferlicht entgegenleuchtete. Ihm gegenüber wurde hinter dem altholländischen Giebel ein älterer Herr in einem schwarzen Anzug und einem langen, weißen Bart herausgeklingelt, der sich verwundert die Augen rieb und den tapferen Felix mit seinen hellblauen Augen einladend anblickte. „Sieht so der Weihnachtsmann aus, ganz in Schwarz?“ waren die ersten Gedanken des Jungen. Bisher hatte Felix geglaubt, der würde einen roten Mantel tragen und ihn gleich auffordern, ein Gedicht aufzusagen.

„Bist du der Weihnachtsmann?“ fragte er denn gleich und fasste auch zu diesem Menschen ein Vertrauen. Der Hubschrauber schien immer näher zu kommen.

„ Nein, mein Junge, aber ich habe die besten Verbindungen nach Oben! Erzähle mir doch von dem, was dir auf dem Herzen liegt!“

Und das tat Felix dann auch und wir kennen seine spannende Geschichte bereits und brauchen sie uns nicht mehr anzuhören!

„Und was hat ihm der Weihnachtsmann letztendlich auf den Gabentisch gelegt?“ fragte ich den Remonstrantenpastor neugierig.

Der legte sich zufrieden in die Kirchenbank zurück. „Einen Hubschrauber natürlich! Sein Vater war damit einverstanden, nachdem ich ihm diese Geschichte berichtet hatte. Man muss nur fest an etwas glauben und sich von seinem Wunsche nicht abbringen lassen!“

 

                                                                                                  Behrend F. Hein 2015

 

 

                                                                                                                                                              

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