Weihnachtsgeschichte 2016

 

Irgendwie gelang es Oma Müller nicht, sich so auf Weihnachten zu freuen, wie sie es in jedem Jahr zuvor so ausgiebig getan hatte. Nein, dieses Mal wollte sich keine Vorfreude einstellen, die sie sonst bereits im Oktober fühlte und ihre Gedanken auf die Vorbereitungen zu diesem Feste beflügelte. Von Woche zu Woche hatte sie weitere Ideen für das Essen, für Geschenke oder einfach für den Ablauf der Festtage gehabt und sie wieder richtig unternehmungslustig werden lassen. Ihre Freundinnen hatten ihr immer wieder gesagt, wie verändert und junggeworden sie ihnen in dieser Zeit vorkomme. Sie hatte sich selber darüber gewundert und sich manchmal gefragt, was ihr verstorbener Mann wohl dazu gesagt hätte? Ja, was waren das für schöne Zeiten damals, als die Kinder noch im Hause waren und Weihnachten nicht abwarten konnten!  Wenn am 1. Dezember die vom Opa angefertigte Advent- Uhr aufgehängt  und der Zeiger an jedem neuen Tage weitergedreht wurde und einen Spruch zum Vorlesen freigab. Und je näher der Tag der Bescherung herannahte, umso aufgeregter wurden die Kinder und sprachen von nichts Anderem mehr. Die Arbeit der Vorbereitungen blieben der Mutter überlassen und das war bestimmt nicht so einfach; denn ihr Mann fuhr zur See und meldete sich vielleicht über die Küstenfunkstelle, wenn sein Schiff denn in der Nähe einer Landmasse war. Er hörte die Weihnachtssendung der Deutschen Welle und wurde dann ebenso berührt davon wie seine Bordkollegen.

Doch alle Mühe lohnte sich, wenn die Bescherung endlich stattfand und sich die Freude und Liebe ihrer Kinder auf sie allein bündelte. Sie war dann stolz auf ihre Leistung und dankbar, eine so gute Familie zu haben!

Ihre Gedanken schweiften dabei ab auf die neue Nachbarin in ihrem Hause mit den beiden Kindern, einer zehnjährigen Tochter und einem jüngeren Bruder. Sie hatten ihren Vater nie zu sehen bekommen. Ob der auch zur See fuhr und sie darauf hofften, er möge zur Weihnachtszeit zu ihnen zurückkehren und das Fest gemeinsam mit ihnen verbringen? Oder ob der seine Familie verlassen hatte? Heute passieren ja so merkwürdige Sachen, man geht so schnell auseinander und zeigt wenig Verantwortung. Eigentlich sollte sie sich nicht so viele Gedanken darüber machen, und doch…!

In den vergangenen Jahren wurde sie von ihren drei Kindern abwechselnd zum Fest eingeladen, doch diese gute Tradition wurde jäh unterbrochen durch eine ansteckende Krankheit in der einen Familie und durch Partnerprobleme in der anderen und der dritte Zweig wollte sich die günstige Gelegenheit einer Reise in den Süden nicht entgehen lassen. Und Oma Müller musste nun zu Hause bleiben und konnte von ihren Kindern niemanden zum Essen einladen, wie es bisher immer Tradition gewesen war.

Dabei hatte sie bereits eine Ente mit all den Zutaten eingekauft, die sowohl ihre Kinder als auch die Enkel gerne aßen! Dazu den richtigen Wein und das Eis zum Nachtisch, eine Leckerei, die besonders ihr Mann so geschätzt hatte.

Ob die Nachbarin überhaupt Zeit hatte, ihren Kindern mit einem ausgiebigen Essen eine Freude machen zu können? Soweit sie es feststellen konnte, fuhr diese jeden Morgen in die Stadt zum Arbeiten. Die armen Kinder, sie mussten sich ihr Zuhause mit dem Hort teilen und konnten erst am Abend die Liebe ihrer Mutter spüren. Und die war dann bestimmt sehr erschöpft!

Die Ente würde im Gefrierfach für eine andere Gelegenheit warten müssen….vielleicht….,

doch da wurde sie durch ein kurzes, fast zartes Läuten aus ihren Gedanken gerissen. Oft klingelte man sie nicht heraus. Sie mühte sich zur Eingangstür und rief etwas unsicher:“ Ja, ich komme schon!“ Und draußen stand der kleine Frechdachs, der Sohn ihrer Nachbarin, und lächelte sie bezaubernd mit einem fröhlichen Grinsen an.

„Oma Müller“, fing er augenzwinkernd an“,  hast du vorhin vielleicht deinen Handschuh im Flur unten verloren?“ Das hatte sie noch gar nicht bemerkt und hätte diese Frage wohl verneint, wenn der Junge in diesem Augenblick nicht die Hand hinter seinem Rücken hervorgeholt und ihr den Handschuh vor die schwachen Augen gehalten hätte. Richtig, das war ihrer! Zierlich und von schwarzem Leder. Eine Regung von Dankbarkeit und Freude huschte über ihr gutes Gesicht und sie bemerkte, wie der kleine Junge ihre Gefühle aufnahm und sie beinahe kameradschaftlich anblickte.

„Ich will doch mal sehen, ob ich noch ein paar Süßigkeiten für dich finden kann! Komm doch mal herein, mein Lieber!“

Während sie in der Küche in ihrer Schublade herumkramte, schaute sich der Junge aufmerksam im Flur um und entdeckte auf dem Schrank ein ausgestopftes Krokodilbaby und an der Wand viele Fotografien. Alles Schiffe, wie er beim Nähertreten feststellen konnte. Doch dieses Krokodil, das sein ausgestopftes Maul so munter in die Luft reckte, als sei es um sein so früh beendetes Leben nicht traurig und mit seinem Schicksal, die Menschen von nun ab zu erfreuen oder zu erschrecken, sehr zufrieden. Er schaute so lange beeindruckt auf dieses Reptil bis er in seinen Fantasien durch das Rascheln einer Bonbontüte aufgeschreckt wurde.

„Ja, mein Junge, ich finde das Töten von Tieren zum Zwecke des Ausstopfens schrecklich, doch dieses Krokodil wurde von meinem Mann aus Kolumbien mitgebracht. Dazu gibt es auch eine aufregende Geschichte zu berichten. Er hat sie unseren Kindern und später auch den Enkeln oft erzählt. Und die älteste Enkelin hat sie in einem Klassenaufsatz niedergeschrieben und eine Eins dafür bekommen.“

„Oma Müller, ich höre so gerne Märchen, würdest du es mir jetzt erzählen? Bitte!“

„Mein Mann hätte gesagt, das sei kein Märchen sondern selbst erlebt. Das Krokodil könnte mehr dazu sagen, doch es ist leider stumm! Weißt du, ich habe lange keinen Besuch gehabt, komme mit mir in das Wohnzimmer und lasse mich erzählen!“

Dieses Wohnzimmer war anders als alle anderen, die der Junge bisher kennengelernt hatte. Er kam sich zwischen Schiffsmodellen, einem Sextanten und Schiffsgemälden wie in einem Seefahrtmuseum vor. Jedenfalls stellte er sich eines so vor! Und all die Puppen auf den Regalen! Mit ihren verschieden Trachten schienen sie aus allen Winkeln der Erde hierhergefunden zu haben. Und die vielen Fotoalben im Schrank verbargen Geschichten von unzähligen Stürmen und Reisen in ferne Länder und warteten nur darauf, ihre Geschichte erzählen zu dürfen.

Oma Müller machte es sich in einem großen, gemütlichen, wahrscheinlich uralten Holzstuhl zwischen den Lehnen gemütlich und es kam dem eifrigen Jungen vor, als sei das der Lehnstuhl des alten Kapitäns, aus dem heraus er seine Erlebnisse genüsslich seinen gespannten Zuhörern erzählte. Ob er dabei eine Pfeife rauchte?

Aber Oma Müller schien das Plaudern ebenso spannend zu beherrschen. Der Junge hörte von einem Krokodil in einem Urwaldfluss in Kolumbien und wie es sich an einen verbotenerweise badenden Seemann herantauchte und ihn mit sich in seine stinkende Höhle zog, damit es dort seine zehn Krokodilkinder  baden und anschließend füttern sollte. Der Junge hätte wetten mögen, dass es sich dabei um Oma Müllers Kapitän in jungen Jahren handelte, der das stinkende Aas natürlich nicht essen konnte und sich nach und nach an den Kleinen vergriff und sie vor Hunger herunterschlang. Der Mutter mussten alle zehn Kinder abends vorgeführt werden und der Junge war sich sicher, dass Opa Müller zum Schluss das letzte Krokodil zehnmal mit Aas stopfte und zehnmal wusch.

„ Da wurde mein Mann von seinen Kameraden entdeckt und das letzte Krokodil kannst du hier stehen sehen!“

Solche Geschichte hatte der Junge noch nie zu hören bekommen und er war sich darüber im Klaren, dass sie wahr sein musste! Die Wohnung und ganz besonders Oma Müller waren ja ein Schatz, den es wohl nur hier in der Seemannswohnung geben dürfte. Mit leuchtenden Augen hatte er zugehört und das freute Oma Müller sehr!

„ Wenn dir irgendwann danach zumute ist, kannst du gerne wiederkommen und dir weitere Geschichten anhören. Ich habe auch Schmalfilme und viele, viele Fotos von Opa Müller!“

Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen und erschien regelmäßig bei ihr zum Zuhören. Dann setzte er sich in einen tiefen Sessel, der eigentlich viel zu groß für ihn war, und war dann mucksmäuschenstill. Oma Müller stellte ihm einen Kakao auf einen kleinen Tisch, wobei sie erwähnte, dies Getränk sei aus besten peruanischen Bohnen gemacht. Sie selbst hätte ihren Mann auf einigen Reisen monatelang begleiten dürfen und dabei tolle Erlebnisse gehabt. Und wenn aus ihrem Lehnstuhl heraus ihre Geschichten leise zu ihm hinüberwehten, dann glaubte der Junge auf einem Schiff zu sein, das leicht schwankend über das Meer irgendwohin nach Übersee zog, um dort neue Abenteuer zu bestehen. Er erfuhr von lauschigen Fahrten durch tropische Gewässer, vom Dahingleiten auf langen Urwaldströmen, vom Mondschein in den Passatzonen und vom Kreuz des Südens, aber auch von Eis in den Nebelfeldern Neufundlands und vom Taifun vor Japan. Seiner Mutter dagegen fiel auf, dass er immer weniger vor dem Fernsehschirm zu finden war.

Und irgendwann berichtete er seiner Schwester Gaby von seinem Geheimnis. Nun war Gaby im Gegensatz zu ihm voll fröhlicher Tatkraft und praktisch veranlagt und lächelte nur über ihren kleinen verträumten Bruder, wie sie ihn nun einmal einschätzte. Doch irgendwie war sie zu sehr weiblich, also neugierig und sagte scheinbar unwillig zu. Der Junge nahm seine Schwester an die Hand und klingelte bei Oma Müller. Die war gar nicht so erstaunt und bat beide herein und zeigte Gaby klugerweise zuerst die Puppen und hatte damit ganz schnell   deren Herz gewonnen. Dann begann das gewohnte Ritual. Das Licht wurde ausgeschaltet und eine Kerze dafür angezündet, dieses Mal standen zwei Gläser echten peruanischen Kakaos auf dem Tisch und die Erzählerin entführte die Kinder in den Karneval von Rio. Berichtete, wie die Mädchen in den Karnevalsvereinen hungern mussten, um ihre teuren, prächtigen Kleider bezahlen zu können und wie diese Qual in dem Moment verflogen war, als sich die Hunderttausende von Tänzern zu Sambaklängen durch die Stadt bewegten. Es war ein Fest der Sinne und der Farben, pure Lebenslust überwand die Müdigkeit nächtelanger Tanzerei. Es schien so, als brandete diese Musik von der Rua de Rio Branca bis zu ihnen in ihr gemütliches Zimmer. Die Kinder waren glücklich und ich glaube, Oma Müller ebenfalls!

Bis, ja also, bis es eines Tages gegen Abend schrecklich klingelte und eine aufgeregte Mutter vor der Tür stand und fragte, ob ihre Kinder hier seien? Da verspürte Oma Müller doch ein schlechtes Gewissen. Sie hatte überhaupt nicht daran gedacht,  deren Mutter zu benachrichtigen. Und nun stand diese an der Öffnung und war ganz Vorwurf. Was sollte die Oma tun? Brauchte sie gar nicht! Als die Mutter die roten Bäckchen und die leuchtenden Augen ihrer Kinder entdeckte, da rührte sie eine Erinnerung an ihre eigene Kindheit und sie blickte in die guten Augen von Oma Müller. Hier war doch alles in Ordnung!

Nein, noch lange nicht! Die Mutter wurde in das Erzählerschiff der Drei gezogen und musste sich die Begeisterung der Kinder und auch der Kapitänswitwe anhören und hätte sie am liebsten auf eine ihrer Reisen begleitet.

„Ja, kommen Sie doch mal vorbei, ich würde mich sehr freuen!“ meinte Oma Müller.

„Vielleicht, aber ich muss so viel arbeiten und habe nicht einmal Weihnachten etwas Gutes zum Essen vorbereiten können!“

Das war die große Stunde von Oma Müller! Die ganz große Stunde sogar!!

„Wissen Sie was, liebe Frau, dafür ist bereits gesorgt worden. Weihnachten gibt es in unserem Traumschiff gebratene Ente mit vielen Leckereien. Anschließend schließen wir den Magen mit Roter Grütze, Eis und Vanillesauce. Die Kinder und ich laden Sie herzlich ein!“

Nun weiß ich nicht, wer sich mehr darüber gefreut hat! Die Kinder waren außer sich vor Freude, die Mutter wusste noch nicht, wie sie sich verhalten sollte, nur Oma Müller war so recht zufrieden, hatte sie doch eine neue Familie bekommen!

 

Weihnachten 2016                                                                 Behrend F. Hein

 

 

 

 

 

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