Schnittpunkt zweier Kurslinien          

                                            (Weihnachtsgeschichte 2014)

Er war von einer schönen Seereise zurück gekehrt und gerade noch rechtzeitig zum Weihnachtsfest vor Brunsbüttel auf seinem Containerschiff abgelöst worden, heute Abend würde er ohne Hast zu Hause sein und mit seiner Familie das Christfest feiern können. Blickte er auf diese Reise zurück, so hatte alles gestimmt und diesen Dienst zu einem wunderbaren Erlebnis werden lassen. Vor ein paar Tagen war er von seinem Wachmann auf der Lotsenwache zu einem Flug nach Frankreich abgeteilt und damit aus diesen unregelmäßigen Tag- und Nachtfahrten heraus gerissen worden, die einen nicht zu einem geregelten Schlaf kommen lassen. Erste-Klasse-Flug nach Paris, dort schickes Abendbrot und Übernachtung in einem Hotel in der Nähe des Bahnhofs, früh mit dem Zug in den jungen Tag gerollt und bei Sonnenaufgang die Seine bestaunt, wie auf ihr die dünnen, orangen Nebel von der Oberfläche in die kühle Luft schwebten. Wälder, Städte und schließlich der Hafenort, wo das Containerschiff fast fertig war mit dem Löschen seiner Fracht und den Lotsen fröhlich aufnahm. Ein gemütliches Schiff empfing ihn, freundliche Menschen bemühten sich um sein Wohlergehen und im stilvoll eingerichteten Salon mit Holz und Intarsienarbeiten durfte er sich fast drei Tage von bemühten Stewards verwöhnen lassen. Lesen im Rauchsalon, nette Gespräche mit aufgeschlossenen Besatzungsmitgliedern, fröhliches Geplauder auf der Kommandobrücke beim Einüben mit den Navigationsgeräten. Eine reibungslose Fahrt auf der Elbe, bis dann der Abschied von diesem eindrucksvollen Schiff  und seinen netten Menschen anstand. Man wünschte sich ein frohes Fest und dann setzte das Schiff seine Reise nach Hamburg fort und entschwand immer kleiner werdend seinen Blicken. Schade, das waren schöne Tage gewesen und der Lotse musste sich eingestehen, wie gut er es doch mit seinem Beruf getroffen hatte!

Und nun stand er auf der Wache und würde gleich mit zwei anderen Kollegen in einem Wagen über die Glückstadt-Fähre nach Hause fahren. Welch ein seltener Zufall war diese Mitnahmegelegenheit! Habe ich in meinem Leben nicht immer schon so viel Glück gehabt, stellte er dankbar fest?!

Der Wagen rollte aus dem Parkplatz auf den Deich und ließ sich über die Marschen durch eine diesige, graue Luft lenken. Die Gespräche drehten sich um die eben beendeten Reisen und es war nicht zu übersehen, dass der Eine oder Andere seine Tüchtigkeit in einem helleren Licht darstellen wollte. Der Lotse, der von Frankreich gekommen war, schwieg und legte seinen Kopf in das Nackenpolster, dachte an seine Reise und ließ die Anderen reden. Aufmerksam wurde er erst wieder, als der Wagen in Glückstadt über den Deich fuhr und er die graue Elbe zu Gesicht bekam. Noch eine scharfe Rechtskurve und man würde auf die wartende Fähre rollen. Doch gerade hier stellte sich dem Fahrer ein Hindernis in den Weg. Ein abenteuerlich anmutender Radfahrer schien sich ebenfalls in den Anblick des Flusses vertieft zu haben und hielt sich nicht an seine rechte Seite. Beim Hören des Hupsignals wurde er aus seinen Träumen gerissen und geriet ins Straucheln. Man hörte noch ein Scheppern und sah im Rückspiegel den gefallenen Radfahrer. Der Lotse sprang schnell aus dem haltenden Wagen und half dem armen Manne auf, während die Kollegen auf die Fähre rollten und sich in den Aufenthaltsraum zum Kaffeetrinken verzogen. Der rechte Jackenärmel des Radlers war nach oben gerutscht und gab eine Tätowierung frei. Der gleiche Frauenkopf, mit denen unzählige Seeleute irgendwann von Land wiederkamen und behaupteten, dieser Blödsinn sei im Suff geschehen! Mein Großvater hatte sich damals in Japan auf seiner Weltumsegelung im Jahre 1900 auch so eine Dame einritzen lassen, deren Gesicht durch das Anwachsen der Arme auf Grund der späteren, satten Jahre mehr und mehr in die Breite ging und der Queen Victoria immer ähnlicher wurde! ging es dem Lotsen durch den Kopf. „Haben Sie sich verletzt?“ wollte er nun von ihm wissen.

 

 

 

 

 

                                                         Seite 2

 „Nein, danke, es geht schon!“ erwiderte dieser und blickte ihm offen in die Augen. Was für ein Gesicht, durchfuhr es ihm! Denn als er den Mann vorhin aus dem Auto heraus betrachtet hatte, war er ihm in diesen abgetragenen Klamotten und dem Vogelscheuchenhut wie ein herunter gekommener Penner vorgekommen. Seine Gestalt war mager, was wohl von einem häufigen Hunger herrühren mochte, das verwitterte, gegerbte Gesicht unter diesem nach hinten gerutschten Hut erschien asketisch, hager und voller Falten, …und doch, es hatte einen Ausdruck, der den Lotsen sofort in seinen Bann zog und zum Nachdenken anregte. Es waren die Augen, die eine Weisheit ausstrahlten und sich dem Leben zuwandten. Sie ließen sich von jeder Kleinigkeit anregen und verarbeiteten diese Neuigkeit in seinem Gehirn, dieser Mann schien sich seine Neugierde und seine Freude an den kleinen Dingen des Lebens bewahrt zu haben. Aber diese Leuchtkraft seiner Augen! Wie bei den Seeleuten, die jahrelang die Weltmeere durchfahren haben und über dem Meer in die Sonne blinzelten und den Horizont suchten. Dabei machten sie sich in aller Ruhe Gedanken und versuchten dabei, hinter die Rätsel des Lebens zu kommen. Wie die Schäfer es tun und sich immer mehr den Ausdruck einer Weisheit aneignen. Solche Menschen bewahren sich ihren suchenden Blick und scheinen in der Lage zu sein, lange und ausdauernd durch Wände und Personen hindurch zu blicken. Sobald sie sich jedoch zu einem Gespräch öffnen, blitzt durch die Tiefe ihrer wässrigen, abgründigen Pupillen ein Schalk, manchmal ein Spott, aber immer ein lebensbejahendes Wissen auf bis hin zu einer Fröhlichkeit. Und dieses Wunder schenkte gerade der einsame Radfahrer dem helfenden Lotsen. Beiden war anzumerken, dass sie sich schätzten und gerne etwas von dem Anderen erfahren würden. Doch bauten sie beide aus unerfindlichen Gründen eine Schranke der Intimität voreinander auf. Ohne sich weiter zu unterhalten, folgten sie dem Weg auf die Fähre, sie brauchten auch gar keine Worte zu verlieren, die Gedanken, die unausgesprochen zwischen ihnen hin- und herpendelten, waren beredt genug und genügten beiden. Sie stellten sich in den Schutz des Aufbaus und waren dort dem kühler werdenden Wind weniger ausgesetzt. Es brauchte nichts gesagt, nichts abgesprochen zu werden, ihre Handlungen folgten einem Gesetz des Verstehens, vielleicht einer Art von spontaner Freundschaft. Wie abgerissen sieht dieser arme Mensch aus, und doch,  seine Körpersprache widerspricht allen schnellen Vorurteilen. Dieser Mensch ist sich selbst genug, er freut sich über kleine Dinge und ist bescheiden und zufrieden. Dazu gehört ein beachtliches Maß an Selbstvertrauen und Lebensweisheit, stellte der Lotse fest! Und  bemerkte erstaunt an sich selber, wie ein kleiner Hauch von Neid ihn berührte! Andere Menschen jagen, ganz besonders jetzt zur Weihnachtszeit, ihrem Glück hinterher und meinen, es mit materiellen Gütern zu finden. Es sind die bunten Reklamen in den Zeitungen und im Fernsehen, die uns ein fragwürdiges Glück versprechen. Und der Lotse schaut immer wieder auf diesen Menschen, den er einesteils bedauert, aber schließlich immer mehr bewundert. Ihm fällt ein, dass er sich damals während seiner Fernostreisen nicht nur mit dem Landgangsführer beschäftigt hatte, sondern auch in die ersten Tiefen des Buddhismus eingestiegen war und später einmal darüber einen Vortrag während seines Studiums halten durfte. Da war immer die Rede von der Erleuchtung gewesen. Ob etwa dieser Mensch davor stand? Es schien fast so.

Mittlerweile war die Fähre von der Glückshafener Nebenelbe auf den Hauptstrom gekommen. Sie nahm ihre Geschwindigkeit zurück, um einem sich schnell nähernden Container Platz zu lassen. Aus dem abendlichen Dunst, oder war es schon die Dämmerung, näherte sich das Riesenschiff und wuchs zu einer beeindruckenden Größe heran. Es fand seinen Weg sicher durch die weißen, roten oder grünen Feuer und machte den Eindruck, als wolle es sich von Niemandem aufhalten lassen. Immer dichter näherte es sich der Fähre und seine stampfenden Ma-

 

.                                                       

                                                               Seite 3

 

schinengeräusche übertönten schließlich das Rauschen der Bugwelle und wollten allein durch diesen Lärm ihren Anspruch auf Vorfahrt einfordern. Der schwarze Steven schien die Luft über der Fähre in zwei Hälften zu teilen, schnell war der riesige, hohe Aufbau mit seinen vielen erleuchteten Fenstern und der grünen Positionslaterne heran. Es hämmerte, es gluckerte und ganz nah erkannten beide Zuschauer auf der schwarzen Bordwand ein verzweigtes, weißes Gebilde mit einem Kreis und ein paar einzelnen Buchstaben. Bevor es schnell den Blicken verschwunden war, kam es aus dem Fahrradfahrer heraus: „Die Freibordmarke,…ganz schön abgeladen!“ Aha, er muss mal irgendwann zur See gefahren sein, durchfuhr es dem Lotsen, eine Freibordmarke erkennen nur Wenige. Das erklärte die Tätowierung… und so manches andere auch. Zum Abschluss dieses kurzen Zaubers zeigte der Containerdampfer noch zum Abschied sein Heck. „Buenaventura“ stand dort ganz deutlich als Heimathafen zu lesen.
„ Ja, die kolumbianischen Mädchen!“ brach es aus ihm hervor, gefolgt von einem befreienden Lachen“ diese fröhlichen Kaffeesäcke!“

„Dort gibt es den Ölberg… oder Schanker-Hill, wie manche ihn auch nennen!“ der Andere.                                                                      „Und alles dicht bei der Kirche“! wieder der sich vor Lachen ausschüttende Radfahrer.

Nun hatten beide sich durch Zufall getroffenen Seeleute trotz ihres so verschieden abgelaufenen Lebens eine Gemeinsamkeit  entdeckt.

Jeder hing eine Weile seinen Erinnerungen nach, bis sich der Anleger auf der Wischhafener Seite unbarmherzig in ihre Gedankenwelt schob. Es hieß sich zu trennen, Abschied zu nehmen von dem kurzen Schnittpunkt zweier so unterschiedlicher Kurslinien.

„Auch zur See gefahren?“ lautete die aus Verlegenheit gestellte Frage des Lotsen.

„Ja, viele Jahre. .bis..!“ Der Ausleger der Rampe krachte auf das Deck der Fähre und übertönte jedes Wort.

„Ich wünsche ihnen schöne Weihnachtstage!“ wieder so ein hergesuchter, blöder Satz ärgerte sich der Lotse.

„…Bruder… Besuch....jedes Jahr...Tschüüs…!“ waren die letzten verschwommenen Worte des Radfahrers.

Während der in der Dunkelheit versank und immer schwärzer und kleiner wurde, gingen dem Lotsen Gedanken durch den Kopf, die sich mit dem völlig verschiedenen Leben beider Menschen beschäftigten. Während er zu philosophieren begann, fühlte er sich irgendwie von diesem Menschen beschenkt. Er hatte in ein anderes Leben blicken dürfen, hatte andere Auffassungen kennen gelernt und der Fremde hatte  ihn dazu gebracht, den vorher auf seinem Schiff genossenen Luxus nicht mehr so ernst zu nehmen. Obgleich der Radfahrer anscheinend selber nichts besaß, war er doch  in der Lage, ihn zu beschenken.

Ist das nicht auch ein Weihnachtsgeschenk?

Aufgeschreckt aus seinen Gedanken wurde er, als plötzlich hinter ihm seine lärmenden Kollegen auftauchten und ihn fragten, wo er denn in drei Teufels Namen gesteckt hätte? Sie hätten es so warm und so gut gehabt…und diese Bockwurst am Tresen! Einfach köstlich! Du hast viel versäumt!

Wirklich?


Behrend F. Hein

November 2014

© 2018 ADFC Cuxhaven