Weihnachtsgeschichte 2017

 

Dieses schien nicht sein Tag zu werden, der beginnende Tag des philippinischen Bootsmannes Manuel Ortego, nein, man hatte ihn frühmorgens zum Ankermanöver geweckt und nun stand er frierend auf dem Vorschiff des norwegischen Tankers und bereitete das Fallen des Ankers vor. Als er sich auf der Kommandobrücke zum Dienst gemeldet hatte, erklärte ihm sein Kapitän aus der molligen Dunkelheit heraus, die Reise müsse unterbrochen werden, weil die Schleuse noch nicht klar sei. Er solle auf die Back gehen und den Anker klarmachen. Langsam erkannte er hinter dem Radarschirm einen Lotsen, der ruhig dem Rudergänger seine Anweisungen gab. Dann, beim Öffnen der Brückentür empfing ihn das Heulen des Sturmes und riss ihm die letzten Worte von den Lippen fort in die tosende Dunkelheit hinein. Nun stand er vorne beim Anker und der nun einsetzende Bewegungsmangel ließ ihn vor Kälte zittern. Er duckte sich hinter die Verschanzung, um sich vor den beißenden Temperaturen des Windes einigermaßen zu schützen. Nun brachte der Sturm noch Schneeflocken mit und fegte sie hohnlächelnd über das wehrlose Schiff. Sie klatschten gegen die Aufbauten und liefen dann als Matsch an der Farbe herunter. Dies war wirklich nicht sein Tag, fühlte Manuel Ortego erneut und schlang die Arme fest um seinen Körper. Heute feierten die Leute in diesem Land ihren Heiligen Abend, einem grauen, stürmischen Land, das einen tüchtigen, aber wortkargen Menschenschlag hervorgebracht hat. Manuel ließ seine Gedanken absichtlich von seinem Anker in seine Heimat fliegen, schon in der Hoffnung, die Erinnerung an das dortige sonnige Klima und an seine Familie möge ihn ein wenig wärmen! Manuel wusste nicht, dass es eine Art von Joga war, aber er spürte doch, wie sich eine leichte Hitze vom Herzen aus in den Körper ausbreitete. Er dachte an sein Dorf am Strand nicht weit von Manila, seine Hütte im Schutze der Palmen und an seine Kinder, die heute sicherlich im heißen Sande spielen würden und ab und wann sich in den Wellen laut lachend erfrischen würden. Und er dachte an seine liebe Frau, nein, er dachte eigentlich immerzu an sie! Seine Familie hatte er verlassen müssen, weil sie nie genug zu essen hatten und an der Armut litten. Durch eine Agentur auf Zypern bekam er diese Aufgabe auf einem Schiff und seine Familie konnte gut davon leben. Manuel spann den Faden seiner Träume weiter. Erst würde er von seinen Ersparnissen eine Eigentumswohnung in der Stadt kaufen, später noch eine für die Eltern und diese einmal als Rentenobjekt arbeiten lassen und sich zum Schluss in Deutschland einen „Merceditas“ anschaffen und damit als Taxifahrer in Manila sein Brot verdienen. Dafür will er gerne im Schneematsch stehen und frieren! Ob seine Familie heute Abend in der Messe auch so sehnsüchtig an ihn denken wird wie er an sie? Sicherlich! Ach, dieses fröhliche Land, wo die Menschen trotz ihrer Armut lachten und sich über das Leben freuten!

Durch das Rattern einer Ankerkette wurde sie geweckt in ihrem kleinen Häuschen, das sich hinter einem Deiche duckte und im Schutze alter Eichen den starken Winden trotzte. Es heulte und pfiff um sie herum und sie gab  sich dem wunderbaren Gefühl der Geborgenheit hin. Als sie aus dem Fenster hinaus auf die Dämmerung des Flusses schaute, machte sie nicht weit vom Ufer entfernt die Lichter eines ankernden Tankers aus. Dann nahmen ihr Schneeschauer die Sicht, doch das Läuten der Ankerglocke drang mahnend und eindringlich zu ihr herüber. Sie dachte an ihren Mann, der heute Nacht als Lotse bei diesem Sturm unterwegs sein musste. Doch der war dieses Wetter und die schwere Verantwortung gewöhnt und würde heute Abend zum Festgottesdienst bestimmt zurücksein! Sie musste an die gemeinsamen Fahrten mit ihm  auf seinen Seereisen denken und konnte sich genau vorstellen, was die Seeleute auf diesem Tanker zu tun hatten und durchmachen mussten, um ihre schwere Pflicht zu erfüllen! Die kamen heutzutage vorwiegend aus den warmen Entwicklungsländern und würden gerade zu dieser Weihnachtszeit ihre Familien vermissen. Ob sich jemand in den Häfen um sie kümmern würde? Sie dachte an diese fernen Länder, die sie mit ihrem Mann so oft bereist hatte. Was lebten dort für interessante Menschen und welche Kulturen es dort gab! Doch sie hatte Angst vor dem Fliegen und vor den drohenden Anschlägen bekommen und blieb lieber in der Nähe. Wie es wohl in den Herzen der Menschen an Bord aussah?

Drei Stunden hielt Manuel Ortega bei peitschendem Regen und Schneefall Wache an seinem Anker bis schließlich der erlösende Befehl zum Hieven kam. Langsam nahm der rote Tanker Fahrt auf, ließ das weiß-blinkende Einfahrtfeuer der Schleuse so lange an Steuerbord bis ein festscheinender Lichtsektor dem Lotsen sagte, er dürfe seinen Kurs ändern. Das Schiff  holte beim Kurswechsel kurz über und steuerte die Lichter der Schleusenkammer an, unterbrochen von den Schneeschauern, die das Ziel nur erahnen ließen. Der Südwest-Sturm spielte mit dem Schiff und trieb es vor sich her. Schlingernd und mit viel Fahrt rollte es in die schützende Schleusenkammer. Manuel kannte solche Situationen und legte eine Springleine klar, damit diese die überschüssige Fahrt es Schiffes auffangen sollte. Das Manöver schien anfangs gut zu klappen, die Maschinen liefen voll rückwärts, die Springleine kam steif und wollte das Schiff aufstoppen, jedoch, und das ist das Schmerzliche, der Schnee hatte sich um das Fasertauwerk gelegt und wirkte wie Seife. Es gab einen Ruck, dann ein Rutschen und Manuel wurde gegen den Poller geschleudert. Dort blieb er eine Weile bewusstlos liegen und blutete aus der Stirn. Gleich nach dem Festmachen legte man ihn auf eine Bahre und trug ihn an Land. Der Lotse hatte die Ambulanz benachrichtigt, bezweifelte aber, dass sie so schnell erscheinen könnte und wahrscheinlich nicht den Weg kennen würde. Eine Handvoll Philippinos machte sich unter der Führung des Lotsen auf den Weg und krabbelte über vier verstreut liegende, enge Schleusentore und fand den steilen Weg abwärts zum Eingang, wo der Krankenwagen bereits wartete. Manuels Kameraden, mit seinem Pass und Zivilkleidern versehen, schauten traurig und fragend umher. „Ich bringe die Sachen für euch in das Kreiskrankenhaus!“ sagte der Lotse.

Es war Nachmittag geworden, der Schnee hatte sich zum Glück verabschiedet und einem trockenen  Wetter mit einem leichten Blau zwischen den Wolken Platz gemacht. Wir sind wieder bei der Frau hinter dem Deich angekommen, die sich von ihrem Mann die Geschichte von Manuel erzählen ließ. Richtig, ihr Mann war eben dieser bereits erwähnte Lotse! Da gebe es keine Frage, man müsse den einsamen Manuel im Krankenhaus besuchen. Sie hätte da noch einen Stollen stehen, den würde sie ihm mitbringen! Dann könnte man anschließend an dem geplanten Festgottesdienst teilnehmen.

Jetzt fangen die Überraschungen an, die eigentlich so recht zu Weihnachten passen! Das Ehepaar hatte sich kaum zu der Station von Manuel im Krankenhaus durchgefragt, da hörten sie lautes Geplapper und Lachen und zwar in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Und dann standen sie vor einer Gruppe von Philippinos, von denen der Lotse bereits einige kannte. Nanu, was war geschehen? Plötzlich waren sie von acht Besatzungsmitgliedern umringt, die ihnen in einem gut verständlichen Englisch berichteten, und zwar alle auf einem Mal, dass Manuel nur eine Naht auf die Stirn genäht bekommen habe und wieder fein zuwege sei. Davon hatte das Ehepaar schon eine Kostprobe in Form des Gelächters erhalten! Ja, und ihr Schiff läge im Binnenhafen und solle dort sein Öl löschen. Warum das? Ja, in der Maschine sei eine Schaltung ausgefallen und eine neue aus Norwegen unterwegs. Sie würden Weihnachten hier verbringen und das Öl würde auch hier gebraucht werden.

Der Lotse erwähnte, eigentlich mehr aus Spaß, dann könnten alle Mann mit ihnen die Kirche besuchen und lachte dabei. Die Philippinos aber wurden ernst und meinten, das hätte ihnen bereits der Seemannspastor vorgeschlagen und sie würden gerne mitkommen. „Dann hört alles auf mein Kommando!“ schmunzelte der Lotse, “auf in die Kirche!“ Und dem wurde gerne gefolgt, man trat in einen gut gefüllten Andachtsraum, sah den großen Weihnachtsbaum mit seinen vielen Kerzen stehen und ließ sich bald vom Gesang, der Orgel und der Predigt in eine andächtige Stimmung tragen. Die Schiffsbesatzung genoss sichtlich den Gottesdienst und man sah ihnen an, wie sie an ihre Familien zu Hause dachten, auch wenn ihnen der Ablauf etwas fremd vorkam. Nach der Feier standen sie betreten und unsicher vor der Kirchentür, sie wollten das Ehepaar etwas fragen, es läge ihnen am Herzen! Ob sie morgen Vormittag Lust zu einem Besuch an Bord hätten, so als Dankeschön!? Sie würden ihnen ein Weihnachtsessen auf phillippinische Art vorsetzen. Aber gerne doch, war die erfreute Antwort des Ehepaares!

Dieser erste Weihnachtstag wurde zu einem Festtag, sowohl für das Ehepaar als auch für die Philippinos. Die Gäste erschienen erwartungsvoll und strahlten eine Freude aus, die sich sogleich auf die Besatzung übertrug. Die hatten bereits ihre Gitarren bereitgestellt, denn ein jeder echte Philippino ist auch ein geborener Musiker, der Schlagzeuger rührte schon auf seinen Trommeln umher, nur die Trompete hatte sich nicht zu zeigen gewagt, sie übte noch in einem Nebenraum. Aber dann ging es los! Es begann leise, wehmütige Laute zogen durch den Raum und füllten bald das gesamte Schiff aus, wurden lauter, mitreißender und gingen bald in flotte Rhythmen über. Nicht genug damit, ein Besatzungsmitglied begann leise zu singen, suchte noch Ton und Text, wurde sicherer und kräftiger in der Stimme, Andere fielen ein und spürten schnell diese Freude an der gemeinsamen Harmonie und fanden sich bald zu einer fröhlichen Einheit zusammen. Man blickte sich in die Augen, strahlte und erinnerte sich immer neuer Lieder. Diese Begeisterung steckte an und riss das Ehepaar zum Mitmachen hin. Er klopfte sich zum Takt auf die Schenkel und seine Frau hakte sich unter und schunkelte lachend mit. Ein paar Tänzer fanden sich bald ein und zelebrierten Figuren, die sie aus ihrem Heimatlande her kannten. Der Raum wurde immer fröhlicher, die Luft immer dicker, doch das schien niemanden zu stören, im Gegenteil, weitere Besatzungsmitglieder erschienen und klatschten fröhlich mit zum Takt. Auf allen Gesichtern zeigte sich eine begeisternde Röte. Dieses Singen, diese Musizieren hätte Stunden dauern können, wenn sich nicht der Koch bescheiden aus dem Hintergrund mit der Aufforderung zum Essen gemeldet hätte. Außer Musik und Lachen lieben die Philippinos das Essen und schnell waren die Instrumente weggepackt. Kurz gebratene Mahlzeiten, viel Fleisch, viel Reis und Bratkartoffel, dazu scharfe, würzige Saucen und ein Salat aus mehreren Gemüsesorten. Das soll erst einmal geschafft werden! Die Philippinos konnten das im Gegensatz zu ihren Gästen! Und als niemand mehr essen konnte, und das dauerte schon seine Zeit, fragte jemand, ob er die Bilder seiner Familie zeigen dürfe! Und dann ging es los! Alle liefen weg, um Fotos von ihren Angehörigen zu holen, von Ansichten ihrer Heimat und den tollen Stränden. Und ein Jeder hatte Geschichten zu berichten, Geschichten aus ihrer Kindheit, Erlebnisse von ihren Reisen, von Freunden und Geschehnissen aus ihrem Lande, von ihren Wünschen an die Zukunft …die Gespräche wurden immer lebendiger und bunter und so voller Spannung, dass unsere Frau aus dem Haus hinter dem Deiche bald in ein Gefühl kam, als sei sie selber dort zu Gast und erlebte die Geschichten hautnah mit. Sie lernte die Eigenarten von mindestens 26 Kindern kennen, versetzte sich in die Gedanken der einsamen Ehefrauen und konnte aus ihrer Erfahrung als ehemalige Seemannsfrau mit guten Ratschlägen aufwarten. Und was sie noch so verwunderte: sie hatte das Gefühl, als bewegte sie sich inmitten der Leute in derem Heimatland und sah sich unter Palmen am Strand laufen und ließ sich die warme Brise des Pazifiks durch die Haare wehen. Sie schritt glücklich voran und meinte, ein Rudel Kinder lief hinter ihr her und wollte mit ihr spielen.

Wie lange dieser wunderbare Ausflug in die Fremde gedauert hatte, konnte die Frau anschließend nicht mehr sagen, aber dass sie ihn voller Glück genossen hatte, das würde sie nie mehr vergessen! Irgendwie waren ihre Träume wahr geworden, ohne dass sie hätte fliegen müssen!

Und unseren Philippinos erging es nicht viel anders. Sie hatten ein wunderbares Weihnachtsfest erleben dürfen und erstaunt festgestellt, dass auch ein graues, unwirtliches Land seine Lichtblicke haben kann!

 

                                                                                                 Behrend F. Hein

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