Weihnachtsgeschichte 2018

Eine Liebesgeschichte an einen Füller. (Oder ist dies vielleicht doch eine Weihnachtsgeschichte?)

Ich will wirklich eine Weihnachtsgeschichte über einen Füller schreiben? So richtig vorstellen kann ich mir das noch nicht! Und was sollen meine Leser davon halten? Die werden sich wie immer auf meine Fantasie verlassen und das noch in der Ferne stehende Ergebnis nötigenfalls mit meinem Alter entschuldigen. Auch wenn ich selber noch sehr misstrauisch über das Zustandekommen meiner Ideen bin und mit nötiger Vorsicht und Bedacht ans Werk gehe, so hoffe ich auf das Verständnis der Leser und nehme sie an die Hand, damit sie mich bis zum ungewissen Ende meiner Geschichte fröhlichen Herzens begleiten werden! Dann gehe ich also an die Arbeit und denke an jene Weihnachtsgeschichte vor Jahren, als ich auf der Autobahn von meinen Enkeln auf ein verlassenes Paar Turnschuhe am Randstreifen aufmerksam gemacht wurde und es mir seltsamerweise gelang, davon eine Geschichte zu Weihnachten aus meinem Füller fließen zu lassen. Und wieder taucht dieses Wort „Füller“ in meinen Zeilen auf! Seit 60 Jahren schon hat er mich treu durch die Zeitläufe begleitet, hat Liebesschwüre, Lügen, was nicht unbedingt dasselbe sein muss, sowie bürokratische Schreiben gleichermaßen geduldig ertragen. Keinen Kommentar hat er darüber abgegeben und sich anschließend lediglich die Kappe übergeschraubt und sich in seinem Futteral in Schweigen gehüllt. Ein rechter Freund also und immer ein vorbildlicher Gentleman. Allerdings, das sollte ich allerdings nicht unerwähnt lassen, hat mein langjähriger Begleiter, wenn denn mein Temperament die heraussprudelnden Gedanken über das Ziel hinausschießen ließen, oder wenn das Seemannsgarn in gewissen Lebenslagen zu schnell abspulte, die Feder auf dem Papier kratzen lassen und somit zur Strafe blaue, grüne oder manchmal violette Kleckse verteilt, je nachdem, welche Tinte ich ihm zu trinken gegeben hatte. Das kam nicht immer gut bei mir an und da habe ich ihm häufig Vorwürfe gemacht. Ich weiß allerdings nicht, welche bösartigen Gedanken er nach dem Schreiben unter seiner Verschlusskappe hegte! So sind wir beide miteinander durch ein langes, abenteuerliches Dasein gegangen. Er hat meine Gedanken, meine Flausen und die vielen Wünsche an das Leben kennengelernt und ich konnte ihm bald nichts mehr vormachen. Sein schlanker, brauner Leib lag stets auf dem Schreibtisch und gehörte selbstverständlich zu mir. Er mahnte mich, wenn irgendein Freund oder ein lieber Verwandter einen Gruß von mir haben sollte; er war sofort bereit, wenn ich der Familie aus irgendeinem Hafen oder von See meine Gedanken mitteilen wollte oder wenn ich den Kindern wieder ein Märchen ausgedacht hatte. Und das handelte immer von der jeweiligen Küste und brachte einen ursprünglichen, fremdländischen Hauch in mein meist windiges, norddeutsches Zuhause. Nun ist mein lieber Füller in die Jahre gekommen, wie sein Besitzer auch und er leidet unter dem, was auch all die anderen älteren Menschen belastet: Die Pumpe will nicht mehr so richtig! Wenn er einige Sätze hinter sich hat, dann geht ihm die Puste aus und man muss daran- gehen, seinen Schrittmacher in Tätigkeit zu versetzen, also hat man an der Tintenpumpe zu drehen. Dann zeigt er wieder Farbe, der Gute, und gleitet flüssig über das Papier, so wie ich das jahrzehntelang von ihm gewohnt war. Die Abstände, in denen der Tintenschrittmacher in Bewegung gesetzt werden muss, werden immer kürzer. Und das ist aus dem Grunde schon ärgerlich, weil vor dem Pumpen die Schrift immer blasser wird und sie nach dem Schrittmachen zu stark fließt und somit mein Schönheitsempfinden unangenehm stört. Es hilft nichts, ich muss mir einen neuen Füller kaufen! Kaum ist mir dieser Gedanke entwichen, befällt mich ein schlechtes Gewissen! 60 Jahre hat er mir die Treue gehalten, frohe und traurige Stunden mit mir geteilt, wie oft habe ich ihn mir meine Sorgen vom Herzen schreiben lassen und nun entscheide ich mich zu einer Trennung. Ich komme mir schlecht vor, so richtig eklig ist mir zumute und ich mag meinem schlanken, braunen Freund nicht in die Feder sehen! Doch was fange ich mit ihm an? So einfach wegwerfen, „Entsorgen“ nennt man das auch, werde ich ihn nicht können. Doch ich muss mich für eine Lösung entscheiden! Aber es ist September und ich habe bis zu den über 60 geplanten Weihnachtsbriefen noch viel Zeit für Überlegungen. Die Wochen sind ins Land gezogen und mit ihm ein windiger, nasskalter Oktober. Und ich muss dem Leser ein noch zu hütendes Geheimnis mitteilen, welches er bitte aus Takt gegenüber dem schlanken, braunen Füller hüten möge; denn ich glaube, er könnte es mir sehr übelnehmen! Oder gar aus Zorn gesprächig werden und das will ich aus seinem Wissen all meiner vielen, vielen Briefgeheimnisse unbedingt vermeiden! Also, um die Spannung aus meiner vorhin gemachten Ankündigung zu nehmen: Ich habe mir einen neuen Füller gekauft!! Formschön und weiß ist er und fast so gut anzusehen wie sein schlanker, brauner Vorgänger! Er hat ein wunderbares Schriftbild und ich habe ihm, um dem alten Füller nicht wehzutun, eine purpurne Tinte zu schlucken gegeben. Doch wie sage ich es ihm und was fange ich mit dem alten an? Von Tag zu Tag steigert sich mein schlechtes Gewissen und verlangt von mir eine schier unmögliche Entscheidung. Oder sollte es etwa an meiner weichherzigen Mentalität liegen, die immer schon gefühlvoll gestimmt war und niemandem wehtun wollte! Dann denke ich an die Worte meines Bootsmannes, der gerne drauflosschimpfte und vor sich hindonnerte: “Besinn dich bitte mal darauf, dass du ein Mann bist und treffe klare Entscheidungen!“ Du hast Recht, mein lieber Bootsmann, der du wohl inzwischen bei dem Großen Bootsmann im Himmel bei den Engeln dein Unwesen treibst, ich habe mich bereits in ehrfürchtigem Gedenken an dich männlich entschlossen und werde den schlanken, braunen Füller über Bord werfen. So sagt man das wohl in Seefahrerkreisen! Aber das hat wohl noch Zeit, denn gar so grauenhaft soll die Beerdigung nicht ausfallen. Wir haben Oktober und bis zu den Weihnachtsbriefen fließt noch viel Wasser die Elbe hinab. Mittlerweile ist der nasse November ins Land gezogen und hat mich aus dem Garten an den Schreibtisch gelockt. Wie der neue, weiße Füller über das Papier huscht und der staunenden Allgemeinheit ein flüssiges Schriftbild abliefert, zumindest am Anfang des Briefes, das begeistert mich zusehends! Und doch, ich gestehe es dem unverständlich zusehenden Leser ganz offen, mein rührselig veranlagter Charakter hat mich hin und wieder zu dem schlanken, braunen Füller greifen lassen, mit den bekannten, oben angeführten Ergebnissen. Wenn mir denn seine Macken zu bunt werden, tausche ich ihn mit dem formschönen, weißen Füller aus, aber so, dass beide nichts davon merken. Ich habe in diesen Dingen meine bestimmten Vorstellungen, die mein Leser bitte anerkennen und schätzen möge! Es sollte wieder ein Füller zum Aufpumpen sein und nicht ein Rechner; denn früher galt die bewährte Ansicht, dass nur ein handgeschriebener Brief bezeugte Anteilnahme und innige Verbindung an die zu denkende Person gewährleistet. Kugelschreiber galten als gewöhnlich und die Schreibmaschine war lediglich der Geschäftspost vorbehalten. Und wenn der in harter Gedankenarbeit entleerte Füller einem durch das Auftanken Zeit zum Entspannen und zu neuen geistigen Höhenflügen schenkt, dann überkommt einen ein wunderbares Gefühl redlicher und dichterischer Schaffenskraft. So sind wir nun einmal! Dabei überwältigt mich wieder eine Regung der Dankbarkeit gegenüber dem schon fast totgesagten schlanken, braunen Füller! Wie du es immer geschafft hast, die Gefühle aus meinem Herzen in ein mehr oder weniger krakelndes oder manchmal sauberes und wohlgefälliges Schriftbild, je nach Stimmung oder Absicht, umzuformen, sie in fließende Tinte zu übersetzen, auf dass die Worte in das Herz des ausgewählten Empfängers laufen konnte. Und das waren nicht wenige, wie du dich erinnern kannst! Nein, sagst du, das gelänge dir nicht, weil es zu viele gewesen seien, wobei du sicherlich den wunderschönen Reigen der Damenwelt an den fremden Küsten im Sinne hast! Von New York bis in den Schwarzwald, von Rio über Indien bis nach Ostasien haben wir das Postwesen in Schwung gehalten. Und ich möchte Weihnachtsgeschichte 2018, Seite 3 nicht wissen, wieviel Hunderte von Briefen wir beide zusammen verfasst haben? Zum Beispiel die häufigen, die aus aller Welt an die Familie hereingeflattert kamen und so viele Abenteuer, Eindrücke und Erlebnisse beschrieben haben, von denen die Seefahrt ja so unendlich viele für uns bereit hatte und von denen ich hoffte, sie mögen aufbewahrt werden und später für einen Lebensbericht herhalten! Oder denke an die Bewerbungsschreiben, die für mich sehr wichtig für meinen beruflichen Erfolg werden sollten! Habe ich mit meinen wohlgesetzten Worten, und nichts hasst der Seemann mehr als geschriebene Sätze, diese Reederei mit meinem eingebildeten Können überzeugt? Nimmt mich die Marine als Reserveoffizier? Und dann die letzte Bewerbung, um beruflich an Land wechseln zu können, was dann doch wieder Seefahrt war, nur viel anstrengender? Du, mein lieber schlanker, brauner Füller hast mich bei meinen Wünschen immer zum Erfolg gebracht, sei es im Beruf oder eben bei der Weiblichkeit. Du bist ein Stück von mir geworden. Doch was mache ich nun mit dir? Wegwerfen, unter Glas bringen, in die Familienbibel legen oder doch dem gelben Sack anvertrauen? Ich habe ja noch Zeit bis zu den Weihnachtsbriefen im Dezember. Es ist Mitte Dezember geworden und der Winter ist mir leicht auf das Gemüt geschlagen. Zum Glück habe ich während meiner Seefahrtzeit so viele Freundschaften in aller Welt mit Menschen geschlossen, die mir ihr Land gezeigt und erklärt haben und an die ich während des Schreibens denken kann, wobei mir so viele aufregende und menschliche Begebenheiten einfallen, dass ich anfange in Erinnerungen zu schwelgen. Die graue Stimmung fliegt über Bord, der gesteuerte Kurs heißt Frohsinn! Ein halbes Hundert Freunde wartet auf meine Nachrichten...ja, und auf die diesjährige Weihnachtsgeschichte. Ich mochte in diesem Jahre nicht mehr von gottgefälligen Menschen oder edlen Naturen schreiben, das habe ich genug getan und überlasse das Anderen, meinem langweiligen Pastor in Sahlenburg zum Beispiel. Jetzt ist der Füller an der Reihe und mir ist noch nicht klar, wie ich meinen Bekannten sein Ausmustern erklären soll! Oder hast du, lieber Leser, schon gemerkt, dass ich mich in Wirklichkeit nicht von ihm trennen möchte, was gut zu deinem edlen Gemüt passt?! Auch ich lasse mich von der echten Weihnachtsstimmung in wunderbare Gefühle tragen und schenke ihm sein Leben. Er wird seinen Platz neben dem formschönen, weißen Füller im Schreibfach meines alten Sekretärs finden (ich nenne ihn Sekretärin, dann strenge ich mich beim Schreiben mehr an!). Dann kann er dem Neuling aus alter Zeit berichten, wie er in jungen Jahren ein Musterbeispiel an Energie und Einfallsreichtum gewesen ist, so wie sein in Ehren ergrauter Besitzer, nur mit dem auffallenden Unterschied, dass dieser inzwischen auf dem Kopf weiß geworden und der Füller hingegen braun geblieben ist. Dann mag er in ruhigen Stunden seinem Nachfolger von vielen tausend Geschichten erzählen, die wir zusammen erlebt und durchgestanden haben und ihn vielleicht zur Nachahmung ermuntern, damit auch er mir ein guter Kamerad wird!

Behrend F.Hein o.B. 2018
P.S.: o.B. steht für „ ohne Boot“

© 2019 ADFC Cuxhaven