Weihnachtsgeschichte 2019

 

Das Datum des weihnachtlichen Festes rückt immer näher  heran. Ich merke es an den Auslagen in den Geschäften, wenn die Gartenmöbel durch bunte Kartons ersetzt werden, unter denen sich wie spielerisch Geschenkvorschläge zur Schau stellen und wie zur leisen Ermahnung an das kommende Fest erinnern. Wie Schlangen, und dieser Vergleich mag die dahinterstehenden kaufmännischen Absichten am besten erklären, ziehen sich grüne Tannengirlanden mit goldenen oder silbernen Sternen geschmückt durch die Ausstellung und sollen bei dem Betrachter festliche Gefühle wecken. Irgendwann wird die Popmusik im Hintergrund durch Weihnachtslieder abgelöst werden. Der Druck soll sich von Tag zu Tag erhöhen und den gut gesinnten  Bürger in eine Erwartungshaltung versetzen, die so gewollt und gezielt daherkommt, dass er ihr hilflos ausgeliefert ist, ob er will oder nicht. Er wird es meist nicht einmal bemerken! Und diese Anspannung steigert sich bis zum Heiligen Abend. Man kennt die Hetze des Einkaufs und die Gedanken, die sich nur mit dem Gelingen der Vorbereitungen beschäftigen.

Das ist von der christlichen Botschaft der Weihnachtszeit übriggeblieben? Geschäftssinn, ein perfekt geplanter Ablauf von Essen und Bescherung und dazu dieses Übermaß an Geschenken? Überfluss, Lärm und die Erschöpfung der Hausfrau danach?!

Durch Zufall und außergewöhnliche äußere Umstände geriet ich 1972 in eine Weihnachtsstimmung, die mich nachdenklich und schließlich so glücklich und dankbar machte, dass sie zu der Weihnachtsgeschichte von 2019 werden soll. Zwei ganz verschiedene, ineinander  übergehende Erlebnisse schenkten mir anschließend ein Gefühl der Besinnung und eine tiefe Zufriedenheit. Ohne das vorangegangene hätte das folgende nicht so eindrucksvoll mein Herz bewegen können. Es will mir vorkommen, als hätte ich da erst eine Ahnung von christlicher Botschaft und Demut kennen gelernt. Und zu jeder Weihnachtszeit versuche ich mich von dem Getöse um mich herum zu lösen und mich bescheiden an die Stunden in diesem kleinen, idyllischen  Ort in Dänemark zu erinnern, damit mich diese friedliche Ruhe wieder in eine sanft klingende Stimmung hinüberträgt.

„Zu Weihnachten werden wir in Hamburg sein!“, ein Spruch, der immer wieder hoffnungsvoll durch das kleine Schiff geisterte. Von Irland mit 400 Stück Vieh beladen, kämpfte sich der winzige Dreiluken- Frachter durch hochrollende Sturmseen der Irischen See. Füttern, Tränken, Mistkarren wurden tapfer bewältigt, denn schließlich winkte hinter dem grauen aufgepeitschten Urmeer der Hamburger Michel, der uns verheißungsvoll zum Heiligen Abend einlud. Erst nach Antwerpen gefahren, Vieh an Land gejagt, zwischendurch das Schiff gesäubert, kurz in Odense auf dieser dänischen Insel Möbel und Futtermehl geladen und dann, wie schön das Leben doch sein kann, die Elbe aufwärts nach Hamburg! Die Besatzung geriet natürlich in Hochstimmung und nahm die Drecksarbeit eines Landwirtes mutig in Kauf.

Das Viehausladen wurde zu einer lustigen Geschichte für sich, weniger das Säubern der mit Mist und Gülle kniehoch verdreckten Laderäume. Vier Seeleute lagen an den Pumpenschächten und befreiten mit nassen  (und stinkenden) Klamotten die Saugrohre von dem, was Kühe eben von sich geben. An den Ladebäumen schwebten in rascher Folge die Hieven mit dem dampfenden Abfall und wurden in die Schelde entlassen. Der  zunehmende Sturm riss das Stroh bereits aus den Bündeln und nahm es mit in die Ferne. Nur der Kapitän blieb von dieser Sauarbeit verschont und navigierte das kleine, brave Schiff in die graue, orgelnde Nordsee. Erst als einem Matrosen beim Überholen und zugleich Absenken des Schiffes in eine schier bodenlose Tiefe die Beine weggerissen wurden und er mit seiner Mistforke fast den langen 1.Offizier aufzuspießen drohte, wurde die Arbeit eingestellt und nachts im Schutze der dänischen Küste fortgeführt. Aber bis dahin wurde der Weg immer länger! Aber, man war überzeugt davon: „ Heiligabend werden wir in Hamburg sein!“ Dem Koch wurden drei Hände voll grüner Kaffeebohnen aus dem Kreuz geleiert und jede davon in einer Luke verbrannt. Warum, fragst du? Versuche es mal selbst und du wirst erstaunt feststellen, wie gut ein vorher so heftig stinkender Raum mit einem Mal duftet! Immerhin wir sollten in Odense schließlich unter Aufsicht der Behörde Futtermittel laden! Corriger la fortune!

Und dann zahlte der Windgott unser Tun hundertfach, nein tausendfach zurück. Die Warmfront überschüttete uns anfangs nur mit Landregen und Starkwinden um Stärke 7, doch dann kam sie so richtig zur Sache! Sie steilte sich zu einem Orkan auf und schickte immer größer werdende Wellenberge von Backbord achtern  heran, nahmen das kleine, brave Schiff in ihre Hände und trugen es mutwillig in die Höhe, um es dann brüllend lachend in die Wellentäler krachen zu lassen. Die Verbände des gequälten Fahrzeugs krümmten sich kreischend, man sah, wie der Schiffskörper sich wie ein Rohrstock bog. Wenn die Schiffsschrauben aus dem Wasser gehoben wurden, drehten sie sich heulend umso schneller und der Dampfer steckte mit schmerzendem Bumsen seinen Kopf  in die mörderische See. Dann röchelten die beiden U- Boot- Diesel und man selber litt mit ihren Anstrengungen.  Schiff und Maschine blieben nach jahrelanger Partnerschaft verbunden und leisteten treu ihre Pflicht, einer half dem anderen und sie mögen sich zugebrüllt haben, dass sie solche Unwetter nicht das erste Mal gemeinsam überstanden hätten! Nur das Ballastwasser im Doppenboden hielt das leere Schiff vor dem Kentern ab. Eine herandonnernde Trogwetterlage verstärkte See und Sturm, der sich zu einem wahren Orkan auswuchs. Der Koch konnte nicht mehr kochen und verteilte Brot, Butter und Kekse. Selbst auf die Wurstscheiben hatte man wegen ihrer Würze keinen Appetit. Sich irgendwohin zu bewegen gelang nur in dem Augenblick, wo sich das Schiff in waagerechter Position im Wellental festbiss. Dann war der Seemann als Artist gefragt und brachte es in dieser Eigenschaft zu hoher Vollendung. Durch die Türritzen pfiff der Wind, man hörte die Wassermassen an Deck stürzen und sah sie wie in einem Aquarium grün an den Fenstern und Bullaugen hohnlächeln in unsere Räume schauen. „Du oder wir“ mag sich so mancher Seemann herausfordernd gesagt haben! Der wichtigste Mann, außer dem Kapitän natürlich, war der Rudergänger! Nur die drei besten von ihnen durften das kleine, brave Schiff  in diese Berg- und Tallandschaft steuern. Eine kleine Unaufmerksamkeit, eine falsche Einschätzung der heranrollenden, grauen See, deren sich überstürzende, weiße Wellenkämme an das Gebiss eines gierigen Hais gemahnte… und das Schiff würde querschlagen und vielleicht sogar kentern. Verbissen, trotzig blickten die Matrosen in das Inferno, nicht bereit, sich unterkriegen zu lassen. Der jeweilige Wachoffizier klammerte sich am Maschinentelegraf fest und beobachtete die Absicht der See und die des Rudergängers. Nur der Kapitän hatte sich im Stuhl sitzend an der Steuersäule festgebunden und man wusste bei seinem grauen, unrasierten Gesicht nicht, ob er wachte oder ein wenig schlief?! Schlafen, das ging bei dieser Schaukelei und bei diesem Gestampfe nicht. Das kleine, brave Schiff  hob sich bis zu 15 m aus den Wellen heraus und krachte tösend in die Tiefe. Man lag in seiner Freiwache in voller Kleidung und Seestiefeln auf der Koje und wusste nicht, ob man ohnmächtig oder übermüdet war. So ging es mehrere Tage bis vor Jütland die Kaltfront hereinbrach und uns einen eisigen Nordwester mit Schnee und Graupel bescherte. Das kleine, brave Schiff  hatte für Stunden eine Kreuzsee zu bestehen, die es vorläufig nicht vorankommen ließ. „Nichts mit Weihnachten in Hamburg!“, mag sich Hein Seemann traurig gesagt haben und nahm auch dies mit einer gleichmütigen Geduld hin, wie sie es ihm sein Beruf gelehrt hatte.

Doch auch alle Qualen haben glücklicherweise einmal ihr Ende!  Kaum blinkte das Leuchtfeuer von Hanstholm über die Kimm, kam in die müde Gestalt des Kapitäns ein Ruck und er ließ sein kleines, braves Schiff Grad für Grad nach Steuerbord kommen, immer bedacht, dass es keinem Brecher ausgesetzt wird und dann erfassten uns nordwestliche Winde und Strömungen und schoben unseren Dampfer pfeilschnell und vor allen Dingen ohne große Schaukelei durch Skagerrak und Kattegat bis hin vor den Odense- Fjord. Die Übermüdung steckte noch in unseren Knochen, doch der Gedanke an ein Weihnachten im sicheren Hafen von Odense weckte neue Kräfte in uns! Was ein Mensch doch aushalten kann! Irgendwo aus einem Wäldchen kam ein Ruderboot hervor und in ihm ließ sich unser Lotse zu uns herüberrudern. Er rief zuerst nach einer Leine, damit man sein Fahrrad an Bord hieven könne,  dann lachte er zu uns herauf, wir hätten es in Odense gut und könnten dort Weihnachten feiern, er müsse schließlich in der Dunkelheit zurückradeln, weil kein Bus mehr führe.

So idyllisch begann der Abend! Eine Woche hartes Durchhalten auf See hatte uns nur Salzwasser riechen und schmecken lassen. Nun aber überwältigten uns die schweren Düfte der Erde, das Süßwassers des Fjordes und der harzige Geruch der Wälder. Wie benommen nahmen wir das wahr, schnubberten immer wieder in die Luft und wollten es nicht glauben, welche Düfte das Land ausströmen lässt! Wie betäubt waren wir, schwindelig und doch vor lauter ungewohnter Wahrnehmung wie von Glück beseligt. Wir hielten uns irgendwo fest und kamen anfangs mit diesen Gefühlen nicht zurecht, spürten dazu den ungewohnt festen Boden auf den Decks und ließen unseren ausufernden Empfindungen freien Lauf. Diese acht Tage auf der tobenden Nordsee, diese Entbehrungen und nun zur Belohnung solche vielfältigen Gemütsbewegungen! Die wurden zu unserem ganz persönlichen Weihnachtsgeschenk und ließen in uns eine Ahnung aufkeimen, dass all die Sorgen, die sich die Zivilisation macht, im Vergleich zu dieser Stimmung nichtig sind. Und die Wurst schmeckte auch wieder!

Vier Tage Liegezeit seien für das kleine, brave Schiff vorgesehen, sagte uns der Makler und der Kapitän fragte drei Besatzungsangehörige, ob sie schnell nach Hause fahren wollten, denn sie wohnten näher am Schiff als andere.

Frühmorgens, nach einem Kaffee und noch immer mit bleischweren Gliedern verließen sie das Schiff in pechschwarzer Dunkelheit. So richtig gehen konnte alle drei noch nicht und schlingerten durch eine frisch geschneite Schneedecke. Unter ihren Füßen knirschte der Schnee und der schluckte alle anderen Geräusche. Fast andächtig bewegten sich die dunklen Gestalten durch die engen Gassen der Fachwerkhäuser, kein Sturm, nur Frieden rundherum. Aus manchen Fenstern lugte ein kleines Licht hervor und warf einen gelben Schein auf die Schneedecke. Myriaden von Brillanten antworteten mit einem funkelnden Aufleuchten. Als wenn solch ein Flimmern noch nicht genug sei, strahlten Millionen von Sternen von einem tiefblauen Himmel auf die weihnachtliche Erde herab. Ab und wann schaute ein Tannenbaum um einen Vorhang herum. Die Dächer hatten sich eine Schneehaube aufgesetzt und man wusste nicht, ob einen Dachpfannen oder Stroh freundlich grüßten. Die abgeblühten Rosenbüsche vor den bunten Haustüren trugen ihre Schneemützen mit majestätischer Würde, als würden sie sich huldvoll vor uns verneigen. Diese alten, freundlichen Häuser, die unseren andächtigen Weg begleiteten, hatten ein jedes seine eigene Geschichte, von Menschengenerationen und ihren Schicksalen geprägt. Es kam mir so vor, als würde aus einem von ihnen gleich Hans Christian Andersen herausschreiten und uns ein Märchen darüber erzählen! Und wenn es nicht dieser große, hier in Odense geborene Märchenerzähler war, so vermutete unsere in gehobener, festlicher Stimmung schwebende Fantasie hinter jeder im Schneetreiben frierenden Laterne den Weihnachtsmann daherkommen, Wie kann das Leben so voller Ruhe und Harmonie sein und uns dabei solch eine Ausstrahlung anvertrauen!  Während der Bahnfahrt durch Dänemark schauten von den jütländischen Hügeln vom Sturm umgeknickte, alte Bäume traurig zu uns herüber und erinnerten an den vergangenen Orkan und ließen so ganz nebenbei zwei Gefühlswelten wieder aufleben: den Überlebenskampf auf See und den wunderbaren Empfang zum Heiligen Abend in Odense.

Zu Hause wurde Weihnachten mit der Familie nachgefeiert, für 30 Stunden nur, doch diese kurze Spanne hat bei mir solch wunderbare nachhaltige Empfindungen ausgelöst, wie ich sie seitdem nicht wieder erleben durfte.

„Was haben wir für einen Stress gehabt, um alle Geschenke und das Essen rechtzeitig zu besorgen! Du hast es dagegen gut und setzt dich entspannt an den Tisch!“

Odense lässt herzlich grüßen! Für immer bitte!

 

                                                                                Behrend F.Hein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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